
Ver-/entkörpert: Der Begriff „Embodiment“ in der Postphänomenologie und darüber hinaus
Verkörperung spielt in der phänomenologischen Tradition eine zentrale Rolle – von Husserls Leibbegriff über Merleau-Pontys Verkörperung des Wahrnehmens und hat in neueren und gegenwärtigen queer-feministischen, posthumanistischen und künstlerischen Diskursen Erweiterungen erfahren. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich ein neues Verständnis von Kognition als verkörperte und handelnde Erkenntnis herausgebildet. Dieses Paradigma betrachtet Bewusstsein nicht als rein geistigen Vorgang, sondern als eine Funktion des gesamten lebendigen Organismus, als embodied, enactive, embedded (zur Übersicht vgl. Fingerhut et al. 2013). Über die Idee einer verkörperten Subjektivität hinausgehend, hat die Postphänomenologie embodiment als eine spezifische Form der Mensch-Technologie-Beziehung gesetzt, welche die Erfahrung der Benutzenden durch das Gerät/Instrument neu gestaltet, welches seinerseits gewissermassen in das Körperbewusstsein aufgenommen wird (Rosenberger/Verbeek: 2015). Entscheidend ist, dass der Begriff der Verkörperungsbeziehungen nur eine von mehreren möglichen Formen der Vermittlung darstellt. Verkörperung kann sich einstellen oder auch nicht, kann gelingen und scheitern. Wie lässt sich diese ausbleibende oder scheiternde Verkörperung fassen und wie verändert sich das Verständnis von Verkörperung, wenn der Körper weniger als Ursprung von Wahrnehmung erscheint, sondern eher als Schnittstelle wirkt (etwa zwischen technologischen, affektiven und ästhetischen Systemen)? Der Kurs nähert sich diesen Fragen interdisziplinär und aus praxisorientierter Perspektive.
Literatur:
Fingerhut, J.; Hufendiek, R.; Wild, M. (Hg.). (2013): Philosophie der Verkörperung. Grundlagentexte zu einer aktuellen Debatte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Fuchs, Thomas (2017): «Embodiment – Verkörperung, Gefühl und Leibgedächtnis». In: Psychoanalyse im Widerspruch, S. 9-28.
Rosenberger, R.; Verbeek, P.-P. (2015): «A Field Guide to Postphenomenology». In: Dies.
(Hg.): Postphenomenological Investigations. Essays on Human-Technology Relations. Lanham: Lexington Books, S- 9-41.
- Kursanbieter/in: Vera Schamal
- Kursanbieter/in: Judith Siegmund